"Positive Anregungen fördern eine klare, strukturierte, aufgeschlossene sowie flexible Lösungssuche und freies Denken der Mitarbeiter.“

Alice M. Isen Johnson, Cornell University

Über die Funktionalität hinaus

Die Arbeit 4.0 bringt digitale Technik, Mobilität und neue Arbeitsmethoden mit sich. Schauen wir in neu eingerichtete Bürolandschaften, spiegelt sich dies schon vielerorts wider. Es werden Flächen gestaltet, an denen sich - zumindest nach Ende der Pandemie - Mitarbeiter treffen, austauschen miteinander kommunizieren können. Der Arbeitsplatz wird mehr durch die mobilen Arbeitsgeräte definiert, denn durch den eigenen Schreibtisch. Große Unternehmen richten eigene Innovationkubatoren ein, in denen Teams gemeinsam auf Zeit an Projekten arbeiten. Hier finden diese eine Vielzahl unterschiedlich ausgestatteter Arbeitsräume vor. Nebenbei fällt uns auf, dass die Architektur der Räume über die reine Funktionalität weit hinaus geht. Faktoren sind Wohlfühlen, Schönheit, Farben, Haptik, Geruch und Aussichten. Die Grundannahme dahinter ist, dass Wohlfühlen und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter*Innen miteinander verbunden sind.

Die Einführung digitaler Technik brachte das Phänomen des synchronisierten Unternehmens mit sich. Die Anpassung der Menschen an das eingeführte interne, digitale System, dass jede Prozesslücke entlarvt, jedes Schnittstellenproblem zwischen den Mitarbeiter*Innen aufdeckt. Synchronisation bedeutet, dass Prozesse gleichzeitig bzw. in einer festen Reihenfolge ablaufen. Dieses Bild wurde auch auf die Arbeitsräume übertragen. Teams werden auf Grund ihrer Rolle im Prozess um- oder zusammengesetzt, um Informationsflüsse zu optimieren und den Prozess mit Hilfe von Software so schnell und so fehlerfrei wie möglich zu gestalten. Arbeitsplätze werden hinsichtlich ihrer Standardisierungsmöglichkeiten geprüft. Handreichungen des Institut der angewandten Arbeitswissenschaft unterstützen zum Beispiel bei der methodischen Erarbeitung von geordneten Grundzuständen am Arbeitsplatz, die zu klaren Verantwortungsbereichen von Mitarbeitern oder Teams (Arbeitsplätze, Gemeinschaftsräume wie Materialraum, Serverraum, Postraum, Hilfsmittel) führen, um die Arbeits- und Prozesssicherheit zu erhöhen.

Diese Konzepte scheinen jedoch zunehmend an ihre Grenzen zu stoßen. Mit der Digitalisierung, der Globalisierung und damit einhergehenden komplexer werdender Marktstrukturen und Rahmenbedingungen, rückt der Mensch als Lösungsinstrument wieder in den Mittelpunkt. Hierbei wird neben neuen methodischen Werkzeugen und verändertem Führungsverhalten, neuen Teamstrukturierungen etc. auch auf den Arbeitsraum als Werkzeug zurückgegriffen, dem eine neue Bedeutung zukommt.

"Ich wechsle - je nach Zweck der zu leistenden Arbeit - die Räume und suche immer nach der besten Arbeitssituation für die anstehende Aufgabe“.

Steffen Himstedt, Trebing & Himstedt 

Der Arbeitsraum als Werkzeug

Die Erkenntnisse verschiedenster empirischer Untersuchungen, welche die Auswirkungen von Gestaltungen von Räumen auf die Arbeit untersuchten, fasst eine 2020 veröffentlichte Studie des Fraunhofer Institutes für Arbeitsorganisation (IAO) zusammen. Darin wird der Frage nachgegangen, welche Rolle das physische Büro in der Zukunft der Wissensarbeit spielt. Das Team des IAO stellt fest, dass sich die physische Unterstützung auf drei Aspekte eingrenzen lässt: die Förderung von Kommunikation, die Unterstützung der individuellen Konzentrationsfähigkeit sowie die der Erholung bzw. Regenerationsunterstützung. Neben Raumhöhen, Lichtquellen und Temperaturen, die unser Wohlbefinden, unsere Konzentration oder Kreativität fördern, lasse bereits ein Zimt-Vanilleduft die Beschäftigten kreativer werden, soe die IAO-Experten. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Raum einen erheblichen Einfluss auf unsere Arbeitsleistung hat. Im entwickelten Zukunftsszenario der Studie wird angenommen, dass digitale Technik (Sensorik, KI) durch die Auswertung von Nutzerdaten die Umgebung adaptiv auf den individuellen Nutzer bzw. die zu leistende Aufgabe anpasst. So entsteht der intelligente Raum, der mittels Assistenzsystemen Daten zu Leistung, Wohlbefinden oder Stress überwacht und dem Nutzer diese mit Lösungsvorschlägen rückspiegelt.

Die Evolution des Arbeitsraumes aus Sicht eines Möbelherstellers.

Die Firma PALMBERG aus Schönberg in Westmecklenburg, gehört zu den größten Büromöbelproduzenten in Deutschland. Im Gespräch mit Geschäftsführerin Julianne Utz-Preußing und ider Innenarchitektin Gutha Schellhorn sprechen wir über den Wandel in der Arbeitswelt und die Auswirkungen auf das eher klassisch anmutende Refugium Büro. 

Führt ein stetiger Wandel der Arbeitswelt zu einem stetigen Wandel in der Büroarbeitswelt? Und wie sieht dieser Wandel aus? Welche Entwicklungen, Potenziale und Grenzen hat die physische Arbeitsplatzgestaltung? Was hält der Büromöbelhersteller von Coworking-Spaces? Auch zum Thema Corona und der Etablierung der Homeoffice-Arbeitsplätze konnten wir uns austauschen.

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Wie kann Arbeitsraum verstanden und genutzt werden?

Trebing & Himstedt sieht sich als agile Organisation, in der gute Kommunikation essentiell für das Gelingen von Zusammenarbeit ist. Am Standort Schwerin bietet das Softwareunternehmen seinen Mitarbeiter*Innen diverse Raumkonzepte an, damit die Beschäftigten alle Projekte zu IHREN Projekten machen können. 

Im Gespräch mit Geschäftsführer Steffen Himstedt gehen wir der Frage nach, für welche Arbeit sich welches Umfeld eignet und ob dies ausschließlich der Effizienzsteigerung dient.

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Schon vor mehr als einem Jahrzehnt wiesen Studien darauf hin, dass offenere Raumkonzepte zwar die fachliche Kommunikation verbessern. Viele Mitarbeiter*Innen selbst bewerten hingegen ihre Arbeitsleistung durch Lärm und Ablenkung in dieser offenen Bürowelt nicht als effizienter und sind vor allem bei Arbeiten, die Konzentration erfordern, eher unzufrieden sind mit den vorliegenden Raumkonzepten. Grund dafür ist augenscheinlich die inkonsequente Umsetzung der Konzepte. Der bloße Umbau von Einzelbüros in Großraumbüros mit Meeting Points, Besprechungsräumen und Denkerzellen reicht allein nicht aus, um den Arbeitserfordernissen der Mitarbeiter gerecht zu werden. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung  hat sich „neben der Erweiterung um diese modernen Zusatzelemente [...] herausgestellt, dass der Großraum als Arbeitsplatz nicht verbessert wurde. Die Lösung der grundlegenden Probleme, die entstehen, wenn viele Mitarbeiter in einem Raum arbeiten, wurden bei den untersuchten Unternehmen wenig weiterentwickelt.“ Auch die 2018 veröffentlichte Studie „Office Analytics“ des Fraunhofer IAO stellt heraus, das der perfekte Arbeitsplatz je nach Mitarbeiter*in bzw. Mitarbeitertypus variiert und so in den Unternehmen ganz individuelle „Arbeitsraumumgebungskonzepte“ geschaffen werden müssen. 

"Wir sind die Pioniere der neuen Arbeit, besessen von der Idee, Arbeit wirksam und freudvoll zu gestalten“  

St. Oberholz, Berlin

Meine Gedanken sind frei

„Think Outside The Box“ mag zur Standard-Aufforderung in den Strategieworkshops, Ideen- oder Zukunftswerkstätten der Unternehmen geworden sein - vollkommen zurecht. Ziel ist, den Blick zu schärfen und die Alltagsblindheit zu überwinden, damit es Teams leichter fällt, neue Ideen, Lösungen und Produkte zu entwickeln. Die Orte, an denen Mitarbeiter*innen im alltak ihre höchste Krativität entfalten, sind sehr verschieden - das kann der Waldspaziergang mit dem Hund ebenso sein, wie der Gang unter die Dusche. Unternehmen und deren Raumkonzepter versuchen, ähnliche krativiitätsfördernde Orte zu kreieren, um möglichst viel Gedankenleistung aus ihren Mitarbeiter*innen zu schöpfen.

Mit der Verbreitung mobiler Endgeräte und dem besseren Zugang zum Internet (fast) überall haben sich am Markt ganz besondere Angebote etabliert: Coworking Spaces bringen vernetztes Arbeiten, Mobilität, Individualität und den Bruch mit dem täglichen Bürotrott. Der Begriff Coworking entstand um 2005. Die German Coworking Federation, gegründet von Betreibern und Weiterentwicklern der Coworklandschaft, definiert Corworking als eine "Form freien und selbstbestimmten Arbeitens", welches durch die Bereitstellung von Räumen, Gemeinschaft und Interaktion zwischen den Nutzendenden dem Bedürfniss der vernetzte Wissensgesellschaft entgegenkommt. Das "St. Oberholz" am Rosenthaler Platz in Berlin eröffnete 2005 mit einem Gastrokonzept, das auf Selbstbedienung aufbaut und dabei toleriert, dass die angebotene Infrastruktur inklusive WLAN von seinen Gästen zum Arbeiten genutzt wird. Auch wegen seiner Vorreiterrolle ist es nach wie vor einer der bekanntesten Coworkspaces in Deutschland. Die Idee eines freien, urbanen und anregenden Raumes zum Arbeiten entwickelte sich weiter und spezifizierte sich zunächst auf die Zielgruppe der Freelancer und Kreativen, die schon länger mobil arbeiten konnten. Eine Vielzahl verschiedenster Konzepte und Spaces hat sich im letzten Jahrzehnt entwickelt und auch das urbane Umfeld verlassen. Auch in ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns finden sich inzwischen Coworkingspaces, auch dort verbinden sich Individualität mit Begegnung und einem Arbeitsraum auf Zeit.

Von workation bis zum Innovationstreiber – Cowork Konzepte aus M-V

(© unsplash.com; Nastuh Abootalebi)

In Mecklenburg-Vorpommern - schließlich das "Land zum Leben und Arbeiten" - entstehen immer mehr solcher Arbeitsräume. In Vorpommern haben wir im Vorfeld unseres Kongresses #mvw20 die Gründer der project bay und ihr Workationkonzept besucht, anschließend Wolfgang Blank vom Cowork in Greifswald, der auch der Alten Mensa der Hansestadt neues Leben als Gemeisnchaftsraum zum Arbeiten und für Innovation einhauchen möchte.

Hier geht es zum Videobeitrag: project bay

Hier geht es zum Videobeitrag: Alte Mensa